Der Werkbund befasst sich mit Fragen der ästhetischen Wahrnehmung und Interpretation der Wirklichkeit. Er verbindet damit den Anspruch, zu einer zeitgemässen Gestaltung der Lebenswelten in der modernen Industrie- und Informationsgesellschaft beizutragen.
1913 gegründet, versteht sich der Schweizerische Werkbund (SWB) in der heutigen kulturellen Situation als Forum und zugleich als Spezialist für interdisziplinäre Debatten über Gestaltungsfragen. Mit seinen Veranstaltungen will er professionelle Gespräche unterschiedlichster Bereiche ermöglichen und fördern.
Der SWB ist ein Verein mit Ortsgruppen in der Romandie sowie in den Regionen Aargau, Basel, Bern, Graubünden, Innerschweiz, Ostschweiz und Zürich. Seine rund tausend Mitglieder gehören verschiedenen gestalterischen Berufen an.
Die Geschichte des Werkbundes ist Teil der Geschichte jener grundstürzenden Veränderung, die Moderne genannt wird. Das Ende der feudalen Weltordnung und die Formierung neuer Lebens- und Produktionsverhältnisse auf der Grundlage behaupteter «Naturgesetze» zerstörten ein bislang festes Gefüge der sozialen, räumlichen und zeitlichen Bindungen. Seither sind die jetzt «freien» Individuen in einen endlosen Prozess der Neubewertung und Neuzusammensetzung ihrer Wünsche und Vergewisserungen, ihrer Lebensentwürfe und Selbstdarstellungen gezwungen. Zudem brachte die industrielle Arbeitsteilung nicht nur Gewinn. Im Gegenteil: Ungleichheiten und Verluste traten in einem bisher unbekannten Ausmass in Erscheinung. Der damit verbundene Wahrnehmungsschock und die «Umwertung aller Werte» riefen eine Vielzahl von Reformbestrebungen hervor und führten 1907 auch zur Gründung des Deutschen und 1913 des Schweizerischen Werkbundes.
Im Werkbund sollten die erfolgreichen Anstrengungen der englischen Arts and Crafts-Bewegung auch im deutschen Einflussbereich verbreitet werden. Industriell fabrizierter Stilverschnitt und Verzierungsschwulst wurden abgelehnt, dafür wurde das Einfache, Natürliche, Echte, die «reine» Beziehung des Menschen zu den Dingen angestrebt. Die Suche nach dem «wahren» Bedarf sollte dazu zu führen, «dass das Leben wieder wirklich werde». Die «Veredelung der gewerblichen Arbeit» - das erklärte Gründungsziel der im Werkbund zusammenwirkenden Künstler, Hersteller und Händler - verband die Verbesserung der Wettbewerbsbedingungen nationaler «Qualitätsarbeit» auf dem internationalen Markt mit dem Verlangen, das Leben als eine Art Gesamtkunstwerk zu organisieren.
Parallel dazu prägte eine weitere «Heilslehre» das Werkbunddenken: der Glaube, die Nutzanwendung der Naturwissenschaften, die Technik, werde in Zukunft die umfassende Befriedung der materiellen Bedürfnisse der Menschheit und damit die Aufhebung aller sozialen Ungerechtigkeiten garantieren. Das maschinell gefertigte, «industriegemässe», standardisierte, «typische» Produkt wurde deshalb dem «Kunst»-Gegenstand als der individuellen, eigensinnigen Einzelleistung vorgezogen. Auch im Werkbund setzte sich ein zwiespältiger Schönheitsbegriff fest: Einerseits wurde das Schöne als maximale Zweckerfüllung definiert, soweit, dass schön, gut und wahr geradezu deckungsgleich in eins fielen. Andererseits galten Gestaltungsideale, wie beispielsweise die Symbolfigurationen der platonisch-stereometrischen Körper, als genauso absolut, losgelöst von jedem praktischen Nutzen.
Somit barg bereits das Programm der ersten Stunde Widersprüche und bildete folglich eine Quelle stets neuer Konflikte. Doch ebenso wie die dabei erstrittenen Ergebnisse prägte die Art der Auseinandersetzung die Chronik des Werkbundes und rechtfertigt seine Entwicklung:
Im sogenannten Typenstreit von 1914 standen sich industriegläubige «Typus»-Anhänger und kunsthandwerklich orientierte «Gestalt»-Vertreter unversöhnlich gegenüber - ein Streit, der wohl nur durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendet wurde.
Das Nazi-Regime verlangte 1934 eine allgemeinverbindliche Kunstauffassung, der sich die Verantwortlichen des Deutschen Werkbundes jedoch grundsätzlich widersetzten, was faktisch zu dessen Auflösung führte.
Ungefähr zur gleichen Zeit kamen sich in der Schweiz unter dem Gebot einer «Nationalen Besinnung» Werkbundideen und Landigeist, Fortschrittshoffnung und Heimattum zwangsläufig näher.
Doch weder Traditionalisten noch Kritiker verstummten im Werkbund in der Ära des «Neuen Bauens» (um 1930) oder später der «guten Form» (um 1950); sie warfen der «Avantgarde» vielmehr doktrinäre und elitäre Züge oder aber Naivität vor.
Um 1970 reagierte der Werkbund mit öffnung und Expansion, als die Unvereinbarkeit seiner bisherigen Leitgedanken mit der lebensweltlichen Realität offensichtlich wurde und als Krise der Moderne erschien. In der Schweiz wurde formuliert: «Ziel und Aufgabe des Werkbundes ist die Gestaltung der Umwelt in ihrer Gesamtheit.» (SWB-Statuten, 1970)
Diese gut gemeinte interdisziplinäre Ausweitung übersah die Unangemessenheit des grossen Anspruchs. Denn vor den sogenannt richtigen Lösungen aufgrund normativer Kriterien hat - schwierig genug - genaues Fragen zu stehen.
Deshalb will der Schweizerische Werkbund heute gegen Unzuständigkeit und Überforderung seinen tatsächlichen Möglichkeiten nachleben: «Aufgabe und Ziel des Werkbundes ist es, eine für verantwortungsbewusstes Gestalten notwendige Auseinandersetzung anzuregen und zu vertiefen.» (SWB-Statuten, 1987)
In der Dingwelt und ihren Zwecksetzungen gelten in unserer aktuellen kulturellen Situation keine abstrakten Gewissheiten mehr. Es kann nur kommunikativ und konkret vereinbart werden, was ist, was sein kann, was sein soll.
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